Sinusitis
Antibiotika - wenig sinnvoll bei akuter Sinusitis
Bei akuter Sinusitis bringen Antibiotika praktisch keinen Nutzen, ganz egal wie potent das Antibiotikum ist. Trotzdem zeigen repräsentative Erhebungen des Verordnungsverhaltens in den USA, dass bei akuter Sinusitis 82% der Patienten und bei chronischer Sinusitis 72% ein Antibiotikum erhalten. Ganz oben stehen Penicilline wie Amoxicillin, gefolgt von Erythromycin, Clindamycin, Cephalosporinen und anderen. Zahlenmäßig gleich nach den Antibiotika folgen Antihistaminika, abschwellende Nasentropfen, inhalative Corticoide, Antitussiva und Expektorantien. Diese Verordnungsdaten wurden über vier Jahre prospektiv von 1999 bis 2002 erhoben und vom unabhängigen "National Center for Health Statistics" in den USA ausgewertet. In ihrem Fazit kritisieren die Autoren nicht nur den häufigen Einsatz von inhalativen Corticoiden, die bei akuter Sinusitis bekanntlich sogar "kontraproduktiv" seien, sondern auch den "weitaus zu häufigen Antibiotikaeinsatz"
Studiendaten widerlegen die Verordnungspraxis
Für Europa liegen keine aktuell vergleichbaren Zahlen vor. Doch werden tendenziell auch hier immer häufiger Antibiotika bei viralen Infektionen verordnet. Wie wenig sinnvoll dieser Antibiotikaeinsatz ist, belegen fünf randomisierte, placebokontrollierte, doppelblinde Studien bei erwachsenen Patienten mit den klassischen Symptomen einer Nasennebenhöhlenentzündung. So zeigte beispielsweise eine doppelblinde dänische Studie, dass Patienten mit klinisch diagnostizierter akuter Sinusitis durch die Gabe des Tetrazyklin-Antibiotikums Doxycyclin nicht schneller geheilt wurden als diejenigen, die ein Placebo erhielten. Das Tetrazyklin war der Einnahme eines Placebos statistisch nicht überlegen.
Ebenso wenig brachte es Studienteilnehmern mit akuter Sinusitis, wenn sie Amoxicillin einnahmen, einerlei ob das Penicillin allein oder in Kombination mit dem beta-Lactamasehemmer Clavulansäure verabreicht wurde. In einer vierten Studie wollte man mit der Diagnose ganz sicher gehen und sicherte die Sinusitis-Diagnose röntgenologisch ab: Trotzdem erlangten die Patienten unter Amoxicillin keine schnellere Genesung als diejenigen in der Kontrollgruppe.
Statistisch kein signifikanter Vorteil
Schließlich prüfte man wie es bei einer Sinusitis aussieht, die nicht sofort antibiotisch therapiert wird: In dieser doppelblinden Studie erhielten die Patienten Amoxicillin frühestens nach sieben Krankheitstagen, aber konsequent über zwei Wochen. Auch hier konnte der Vorteil der Antibiotika-Gabe nicht eindeutig überzeugen: Nach 14-tägiger Tabletteneinnahme waren 32 Patienten (48%) in der Amoxicillin-Gruppe und 25 (37%) in der Placebo-Gruppe von der akuten Sinusitis befreit. Der Unterschied war nicht signifikant. Rein statistisch müsste man bei einer absoluten Differenz von 11% neun Patienten behandeln, um bei einem einzigen Patienten einen signifikanten Behandlungsvorteil zu erzielen. "Eine Menge unnötig verordneter Antibiotika", wie selbst Fachleute einräumen.
Warum die Antibiotika-Behandlung so enttäuscht, liegt auf der Hand. In den meisten Fällen der akuten Sinusitis spielen eben doch die Viren die entscheidende Rolle. Und dagegen können Antibiotika nun einmal nichts ausrichten.
Differentialdiagnose als große Herausforderung
Auch wenn man immer wieder versucht, virale und bakterielle Infektionen klinisch auseinander zu halten, so überlappen sich die Symptome in der Praxis zu sehr, als dass man beide sicher differenzieren könnte. Doch scheint die Angst vor der bakteriellen Sekundärinfektion größer als deren tatsächlicher Einfluss zu sein, wie die Studien zeigen. Bei Patienten mit leichten Symptomen sollte man eher die Selbstheilungskräfte des Körpers stärken. Häufig trägt gerade die Abwehrschwäche zur bakteriellen Verschlimmerung bei. Sobald sich eine schwere Verlaufsform abzeichnet, sollte allerdings Komplikationen durch den raschen und konsequenten Antibiotikaeinsatz begegnet werden. Dies ist insbesondere der Fall, wenn die Entzündung die Nasennebenhöhlen übergreift und benachbarte Strukturen schädigt. Speziell bei älteren Menschen und Kindern sollte daher lieber früher als später ein Antibiotikum eingesetzt werden. Optimal wäre es, wenn ein mikrobieller Nachweis die bakterielle Infektion sichern und die Wahl des Antibiotikums erleichtern könnte.
Dass unnötige Gaben von Antibiotika medizinisch und volkswirtschaftlich unsinnig sind, braucht hier nicht weiter erörtert zu werden. Doch gilt es auch, die Resistenzentwicklung zu vermeiden. Zu geringe Dosierungen und zu kurze Einnahmezeiten fördern bekanntlich Resistenzmechanismen.
Bakterientoxine im Sekret
Damit ein Antibiotikum überhaupt wirkt, muss es in hinreichender Konzentration dorthin penetrieren, wo die Entzündungsprozesse ablaufen. Bisher dachte man, in der Sinusitisbehandlung sei es daher ausreichend, wenn sich das Antibiotikum in der Schleimhaut anreichere und dort bakteriostatisch oder bakterzid wirke. Wie eine bahnbrechende Untersuchung von Wissenschaftlern der Mayo-Klinik in Rochester (USA) allerdings zeigte, halten die Bakterien den Entzündungsprozess vorwiegend über Toxine im eitrigen Nasensekret in Gang. Darauf weisen die Daten einer wissenschaftlichen Studie hin, an der 22 Patienten mit chronischer Sinusitis teilnahmen. Die mikrobiologische Untersuchung der Gewebe- und Sekretproben dieser Patienten anlässlich eines endoskopischen Eingriffs brachte das überraschende Ergebnis: Nur im Schleim der Nasen- und Nebenhöhlen waren die gefährlichen Bakterientoxine zu finden, nicht aber im Gewebe. Dies könnte eine weitere Erklärung für die unzureichende Wirksamkeit von Antibiotika sein, die im Schleim keine ausreichenden Wirkspiegel erreichen.
Selbstheilungskräfte fördern
Angesichts dieser neuen Erkenntnisse bei der Erforschung so "banaler Erkrankungen" wie der Sinusitis ist es ein Trost, dass der Körper selbst hervorragende Möglichkeiten hat, sich gegen feindliche Eindringlinge wie Viren und Bakterien zu verteidigen. Dabei kann man ihn mit naturheilkundlichen Methoden unterstützen. Bewährt haben sich homöopathische Wirkstoffe wie Hepar sulfuris, Mercurius bijodatus oder Silicea, die den Entzündungsprozess im Nasenrachenraum und den Nasennebenhöhlen hemmen. Vorwiegend abschwellend und schleimlösend wirken Apis und Kalium bichromicum. Solche Präparate können die erste Therapiestufe darstellen, begleitet vom "watchful waiting": Sollten sich Fieber, Gesichtsschwellungen und Kopfschmerzen verstärken, wird es Zeit für eine intensivere ärztliche Behandlung.